Nov 302006

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Der junge englische Sänger hat vom Straßenmusiker zum Radioliebling eine Karriere fast wie im Märchen hingelegt. Undiscovered heißt das Debütalbum, das seine weiße Soul-Stimme in die Auslage stellt.

Diese Stimme ist kaum zu überhören. „You Give Me Something“ heißt das soulige Liebeslied, mit dem der englische Sänger James Morrison derzeit auf fast allen Radiokanälen vertreten ist. Angenehm zeitlos klingt diese Musik, so als hätte sie auch schon in den Sechziger- oder Siebzigerjahren entstehen können, sie verfügt aber auch über eine moderne Produktion, die sich an den Hörgewohnheiten von heute orientiert. Und dann ist da diese Stimme, die sich wirklich kaum überhören lässt, so kraftvoll und gleichzeitig gefühlvoll dringt sie ans Ohr. James Morrison klingt sehr reif, doch er ist ein gerade mal 21-jähriger Newcomer. Er wuchs mit der Plattensammlung seiner Eltern auf und bekam dazu noch eine Stimme geschenkt, die kein Gesangscoach dieser Welt so formen könnte. Vielmehr müssen die Kräfte der Natur am Werk gewesen sein, um einem blassen jungen Mann aus England mit einer Stimme auszustatten, für die sich auch ein afroamerikanischer Soulsänger nicht genieren müsste. „Viele Leute erzählen mir, sie hätten gedacht, ich sei schwarz, als sie mich zum ersten Mal singen hörten“, sagt Morrison. „Es geht aber nicht um schwarz oder weiß. Es geht nur darum, seine Gefühle auszudrücken. Das meint für mich Soulmusik.“ Power und Röhre und viel Gefühl, im Zusammenhang mit guten Songs und einem cleveren Marketingkonzept musste das früher oder später einfach zum Erfolg führen. Und so zählt James Morrison zu den erfolgreichsten neuen Gesichtern im Pop 2006: Noch Anfang des Jahre kannte ihn kein Mensch, nun ist er dank „You Give Me Something“ und des Albums Undiscovered (das in England schon im Spätsommer Nummer eins war und nun auch in Österreich veröffentlicht wird) in ganz Europa ein Begriff.

Die Songs von James Morrison erzählen Geschichten. Meist sind es Geschichten, die aus seinem eigenen Leben stammen oder die er in seiner Umgebung beobachtet hat – über Liebe, Sinnsuche, Krisen, Neuanfänge. Nun ließe sich einwerfen, was ein 21-Jähriger in diesen Dingen schon groß erlebt haben kann. In Morrisons Fall ist es gar nicht so wenig. Es gibt zwar keine wirklich schlagzeilenverdächtigen Begebenheiten aus seiner Kindheit und Jugend zu vermelden, aber die frühen Jahre des Sängers stehen beispielhaft dafür, unter welchen Rahmenbedingungen viele junge Leute heute aufwachsen und wie sie sich mangels familiärer Bindungen ihre eigenen Wurzeln suchen müssen. „Ich will kein zu dunkles Bild von meiner Kindheit zeichnen“, sagt Morrison, „aber sie war schon ziemlich hart. Weil meine Mutter wegen der Schulden arbeiten musste und auf meinen Vater kein Verlass war, hatte ich schon sehr früh Verantwortung zu übernehmen.“ Seine frühen Jahre haben Morrison nicht trübsinnig gemacht, sondern fürs Leben vorbereitet. Insofern ist er heute fast glücklich darüber: „Ich habe es da durch geschafft. Ich mache lieber etwas Negatives durch und komme am Ende mit etwas Positivem ans Tageslicht, als nie etwas zu erleben.“

Glücksgefühle dieser Art beflügeln Undiscovered, obwohl es an sich eine bluesgetränkte Soul- und Folkpop-Platte ist. James Morrison gehört zu jenen Menschen, die in allem etwas Positives entdecken können. Man höre etwa seine haarscharf am Kitsch vorbeischrammende Ballade „Wonderful World“, die sich im Titel ganz bewusst an Louie Armstrongs Klassiker anlehnt. Wissend, dass es keine so wundervolle Welt ist, auf der wir gerade leben. James Morrisons Songs sind ebenso individuell wie allgemein und verfügen damit über ein großes Identifikationspotenzial. So verhält es sich auch mit „Undiscovered“, das dem Album seinen Namen gibt. Einerseits bezieht sich der Titel natürlich darauf, dass es sich um Morrisons erstes Album handelt und dass er zumindest zum Zeitpunkt des Erscheinens noch unbekannt war. Die tiefere Bedeutung aber liegt im Text des Songs versteckt. „Das Stück ist teils inspiriert von einem Freund, der eine viel schwierigere Kindheit hatte als ich“, sagt der Sänger. „Ich hatte immerhin Eltern, sein Vater war schon tot, als er zur Welt kam. Der Typ ist heute auf Heroin. Das letzte Mal, als ich ihn getroffen habe, war er komplett fertig, weil er etwas gesucht hat in seinem Leben, in dem er wirklich gut war, aber nichts finden konnte.” Diese Begegnung verarbeitete Morrison später in „Undiscovered“: „Ich glaube, dieses Gefühl treibt viele um derzeit. Man findet nur schwer einen Weg für sich. Die Zeile ,I’m not lost / Just undiscovered’ fasst das gut zusammen. Jeder hat Talente, es braucht nur manchmal seine Zeit, um sie zu entdecken.“

James Morrison hat seine Bestimmung gefunden, sein Weg als Musiker war durch seine Stimme früh vorgezeichnet. Schon als Knirps sang er gern zu den Platten mit, die er in der Sammlung seiner Eltern fand. Die Musik gab ihm Halt und vertrieb die Einsamkeit. Neben der Sechziger- und Siebzigerjahre-Grundausstattung aus Beatles und Pink Floyd fanden sich in Familie Morrisons Schrank zu James’ Glück auch einige Trost und Rat spendende Soulscheiben von Granden wie Otis Redding, Stevie Wonder und Al Green, die zum Soundtrack seiner Kindheit wurden. Die goldene Soulperiode der frühen Siebzigerjahre hat bei Morrison tiefe Spuren hinterlassen: „Manchmal fühle ich mich, als würde meine Musik eigentlich in diese Zeit gehören.“ Zumindest versteht er es, geschickt an sie anzuschließen, Ideen von damals neu aufzubereiten. Allerdings gibt es nur wenige Musiker, die sich so sympathisch dazu bekennen, dass nicht alle ihre Ideen auf ihrem eigenen Mist gewachsen sind. Nicht zuletzt zehrt Morrison musikalisch von seinen Jahren auf der Straße. Nachdem er früh von der Schule abgegangen war, schlug er sich einige Zeit als Straßenmusiker durch und spielte das übliche Repertoire aus Oldies, Bob-Dylan-Songs und ersten Eigenkompositionen. „Ich habe gut dabei verdient – manchmal bis zu 70 Pfund pro Stunde”, erinnert er sich. Freilich gab es auch Durstrecken, die er mit diversen Jobs als Autowäscher oder Briefträger überbrückte. Als ihm vor zwei Jahren wieder mal einer davon gekündigt wurde, beschloss er, es allein mit der Musik zu versuchen.

Es funktionierte. Talentscouts waren schnell von seiner Stimme beeindruckt und so unterschrieb James Morrison im vergangenen Jahr einen Major-Vertrag. „Mein Leben hat sich dramatisch verändert“, sagt er. „Früher dachte ich, ich würde nie einen vernünftigen Gig bekommen. Ich habe hart gearbeitet, um mich über Wasser zu halten. Auf einmal war alles anders.“ Morrison wurde mit Songschreib-Profis zusammengespannt, die seinen Ideen den nötigen Schliff gaben. Manche der Songs klingen ausproduziert ein wenig weichgespült, überwiegend aber strahlen sie einen herzlichen, erdigen Charme aus. Auf Undiscovered erweist sich der Sänger als soulige Alternative zu Kollegen wie James Blunt und klingt ein bisschen wie eine männliche Variante von Joss Stone. Was nach dem ersten Hype mit ihm passieren wird, lässt sich derzeit noch nicht abschätzen. Eine große Tournee dürfte für den Vollblutmusiker jedenfalls kein Problem darstellen. Was danach kommen mag, wie das zweite Album klingen wird, ist alles nicht so wichtig. Es zählen das Hier und Jetzt und die Freude, die James Morrisons Musik im Moment vielen Menschen bereitet. Ein bisschen verhält es sich mit seiner aufstrebenden Karriere so, wie mit der aufkeimenden Liebesbeziehung in seinem Hit „You Give Me Something“. Über die sagt Morrison: „Es ist nicht klar, ob es eine Liebe für immer sein wird.“ Aber momentan fühlt es sich gut an.

Written by Renzo Staub

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